Im Herzen von Castilla-La Mancha, genauer gesagt in der Provinz Ciudad Real, erhebt sich das Castillo de Peñarroya als eindrucksvolle Zeugin vergangener Zeiten. Diese Festung thront erhaben auf einer markanten Felsformation, einer sogenannten „peña“, die aufgrund ihrer rötlichen Färbung „roya“ genannt wird – ein Name, der vermutlich auch der Ursprung des Namens „Peñarroya“ ist. Strategisch an einem steilen Flussabschnitt des Guadiana gelegen, bietet die Burg einen herrlichen Ausblick auf den Stausee Embalse de Peñarroya und die malerischen Lagunen von Ruidera, einem geschützten Naturpark, der sich stromaufwärts erstreckt.
Geographische Lage und landschaftliche Bedeutung – Das Castillo de Peñarroya befindet sich in der Gemeinde Argamasilla de Alba, rund zwölf Kilometer südlich des Ortszentrums, entlang der Landstraße CM-3115 in Richtung Ruidera. Die Wahl des Burgstandortes ist keineswegs zufällig: Der Felsen bietet eine natürliche Verteidigung, die es ermöglichte, den Verlauf des Guadiana zu überwachen und den Zugang zum umliegenden Land zu kontrollieren. Die Nähe zum Fluss war dabei nicht nur strategisch, sondern auch wirtschaftlich von Bedeutung, denn der Guadiana war eine wichtige Lebensader und Handelsroute.
Der Platz, an dem sich heute der Stausee befindet, war zuvor Teil eines natürlichen Flusstals mit üppigen Feuchtgebieten und Lagunen, die in der Umgebung zahlreiche Tier- und Pflanzenarten beheimateten. Erst im 20. Jahrhundert wurde hier der Embalse de Peñarroya errichtet, der nun den Eindruck eines großen Binnenmeeres vermittelt und die malerische Landschaft mit Wasser reflektierter Schönheit bereichert.
Historische Wurzeln und Eroberung – Die Geschichte des Castillo de Peñarroya ist eng mit den wechselvollen Ereignissen der Reconquista verbunden. Nach Forschungsergebnissen und historischen Chroniken, insbesondere dem Werk „Juicio Analítico del Quijote“ von Don Ramón Antequera Bellón, lässt sich der entscheidende Moment in der Geschichte der Burg auf den 8. September 1198 datieren. An diesem Tag gelang es dem kastilischen Hauptmann Alonso Pérez de Sanabria, die Festung von muslimischer Herrschaft zurückzuerobern und damit einen symbolträchtigen Sieg im Grenzgebiet zu erringen. Diese Rückeroberung war nicht nur militärisch bedeutsam, sondern brachte auch eine spirituelle Dimension mit sich. Bei der Einnahme der Burg fand man die Statue der „Nuestra Señora de Peñarroya“, die seitdem als Schutzpatronin sowohl der Bewohner von Argamasilla de Alba als auch der benachbarten Gemeinde La Solana verehrt wird. Ihre Verehrung ist tief in den lokalen Traditionen verwurzelt und spiegelt die Verschmelzung von Geschichte, Glauben und Gemeinschaft wider. Im Jahr 1215 wurde das Castillo de Peñarroya in den Besitz der militärischen Ordensgemeinschaft des Johanniterordens (Orden de San Juan) übergeben. Von da an entwickelte sich die Festung zu einem wichtigen Stützpunkt für die Sicherung der Territorien Kastiliens. Im 14. Jahrhundert war Peñarroya die wirtschaftlich bedeutendste Kommende des Johanniterordens in dieser Region, was ihren hohen Stellenwert unterstreicht.
Architektur und bauliche Besonderheiten – Das Castillo zeichnet sich durch seine beeindruckende Bauweise aus, in der Mauerwerk (Mampostería) und sorgfältig behauene Steine (Sillería) harmonisch kombiniert sind. Beim Betreten der Burg fällt sofort der mittelalterliche Zugangsweg auf, der von einem „humilladero“ (ein schlichtes Heiligenhäuschen) und einem Graben flankiert wird – typische Elemente mittelalterlicher Befestigungsanlagen, die sowohl zur psychologischen Einschüchterung als auch zur physischen Verteidigung dienten. Das Innere der Festung wird von einem weitläufigen Patio de Armas dominiert, der mit seinen Maßen von 67 mal 43 Metern eine zentrale Rolle in der Organisation der Burg spielte. Um diesen Innenhof gruppieren sich verschiedene Gebäudekomplexe, darunter die ehemals im 12. Jahrhundert erbaute Kirche und ein altes Zisterne zur Wasserversorgung. Die Architektur ist funktional und zugleich imposant: Ein innerer Korridor, die sogenannte Liza, trennt die höhere Hauptmauer von der vorgelagerten Vorbefestigung, die mit drei Türmen und verteidigenden Mauern ausgestattet ist. Besonders bemerkenswert ist die sogenannte Torre Albarrana, eine an die Außenmauer vorgelagerte Turmbastion, die an der Front abgerundet ist, aber insgesamt rechteckigen Grundriss besitzt. Diese Art von Turm diente dazu, Angriffe auf die Hauptrundmauer besser abwehren zu können und bot Verteidigern optimale Schusspositionen. Die Hauptwache, der sogenannte Torre del Homenaje („Turm der Huldigung“), ist ein wuchtiger quadratischer Bau mit einer Fläche von 113 Quadratmetern und beherbergt drei Stockwerke. Historisch war dies der Sitz des Burgherrn oder des Festungsältesten, heute jedoch finden dort Versammlungen der Bruderschaft „Cofradía de Nuestra Señora de Peñarroya“ statt. Über die Wehrgangsbrücke – den Adarve – gelangt man zur Terrasse, die einst als Aussichtspunkt und letzte Verteidigungslinie diente. Auf der Talseite, die zur Staumauer hinabfällt, befindet sich eine kleine barocke Kapelle aus dem 17. Jahrhundert, deren Erscheinungsbild dem Stil des „barroco decadente“ entspricht, einer kunsthistorischen Stilrichtung, die die Übergangsphase vom prächtigen Barock zum entstehenden Rokoko in Spanien beschreibt. Im Inneren gliedern sich mehrere wertvolle Kunstwerke: Gemälde zu beiden Seiten des Hauptaltars, ein prunkvoll geschnitzter Churrigueresken-Retabel, das den opulenten Stil des spanischen Barock repräsentiert, sowie eine außergewöhnliche Heiligenfigur aus dem 17. Jahrhundert, die ursprünglich im nahegelegenen Mercedarierkloster zu Argamasilla de Alba stand. Die kleine Kapelle war historisch ein privater Rückzugsort für die Burgbewohner und bekam das heutige Aussehen im Laufe der Jahre, während sie ihre Bedeutung als spiritueller Mittelpunkt bewahrt hat.
Archäologische Funde und kulturelles Erbe – Jüngste Ausgrabungen im Umfeld des Castillos brachten weitere Zeugnisse der wechselvollen Geschichte zu Tage: So entdeckten Archäologen eine islamische Nekropole, deren genaue Datierung noch offen ist, sowie einen Komplex von Silos. Diese Funde belegen die lange Kontinuität menschlicher Besiedlung und Nutzung des Areals – von der Zeit vor der christlichen Rückeroberung bis in spätere Jahrhunderte hinein. Die Anwesenheit der Nekropole lässt vermuten, dass das Gebiet unter muslimischer Herrschaft eine wichtige Bedeutung hatte und möglicherweise als eine Art Verwaltungszentrum diente. Die Silos wiederum weisen auf eine landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft hin, die Vorräte systematisch lagerte, was angesichts der strategischen Lage der Burg nicht überraschend ist.
Erhaltungszustand und heutige Nutzung – Dank verschiedener Restaurierungsmaßnahmen präsentiert sich das Castillo de Peñarroya heute in einem guten Zustand. Besonders von oben – etwa von der Burgterrasse oder den angrenzenden Wanderwegen – ist die Festung ein imposanter Anblick, eingebettet in eine Landschaft, die durch den Stausee und die umliegenden Feuchtgebiete unvergleichlich reizvoll ist. Die Anlage steht im Eigentum der Gemeinde Argamasilla de Alba und ist frei zugänglich. Neben der touristischen Nutzung fungiert die Burg als lebendiger kultureller Schauplatz, an dem jährliche Pilgerfeste (Romerías) zu Ehren der „Nuestra Señora de Peñarroya“ gefeiert werden. Diese Feste finden im April und September statt und ziehen Besucher aus der weiteren Umgebung an, vor allem aus Argamasilla de Alba und La Solana – den Gemeinden, die die Jungfrau als Schutzpatronin verehren.
Ein kulturelles und historisches Juwel – Das Castillo de Peñarroya ist weit mehr als eine historische Ruine – es ist ein lebendiges Denkmal, das bewegte Jahrhunderte kastilischer Geschichte spiegelt und das Zusammenspiel von militärischem Anspruch, religiösem Glauben und wirtschaftlicher Macht verdeutlicht. Als strategischer Außenposten einer bedeutenden Ritterordenkommende, als Ort tiefverwurzelter Volksverehrung und als architektonisches Meisterwerk der mittelalterlichen Baukunst hat diese Festung eine herausragende Stellung in der kulturellen Landschaft von Castilla-La Mancha. Für Besucher eröffnet sich hier nicht nur ein Fenster in die Vergangenheit, sondern auch ein Ort der Einkehr und Bewunderung – ein Symbol dafür, wie Geschichte und Natur in harmonischer Einheit bestehen können.



























