Hoch über der Bielefelder Innenstadt thront eines der berühmtesten Bauwerke Ostwestfalens: die Sparrenburg. Wer heute auf dem Sparrenberg steht, blickt auf eine Anlage, die auf den ersten Blick einer klassischen Ritterburg gleicht – komplett mit Turm, Mauern, Tor und weitem Blick über die Stadt. Doch dieser Eindruck erzählt nur einen Teil der Geschichte. Die Sparrenburg, offiziell bekannt als Schloss und Festung Sparrenberg, diente im Laufe der Jahrhunderte als Machtzentrum, Grenzfestung, Kriegsschauplatz, Gefängnis, Steinbruch und schließlich als Symbol des städtischen historischen Gedächtnisses. Ihre Mauern schlagen eine Brücke zwischen Mittelalter und Renaissance, preußischer Geschichte und romantischer Denkmalpflege – und bis heute bergen sie archäologische Geheimnisse.
Eine Burg oberhalb des Passes durch den Teutoburger Wald – Die Sparrenburg befindet sich im Bielefelder Stadtteil Mitte auf dem etwa 180 Meter hohen Sparrenberg, einem Bergrücken im Teutoburger Wald, der früher als „Osning“ bekannt war. Von dort ragt die Anlage etwa 60 Meter über die Innenstadt hinaus. Dieser Standort wurde keineswegs zufällig gewählt: Der Hügel beherrschte eine wichtige Handelsroute durch den Teutoburger Wald, den sogenannten Bielefelder Pass. Die Burg wurde wahrscheinlich vor 1250 von den Grafen von Ravensberg erbaut. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1256. Ihr strategischer Zweck war klar: Sie sollte den Durchgang durch das Mittelgebirge sichern, die junge Stadt Bielefeld schützen und gleichzeitig als Machtzentrum der Grafen von Ravensberg dienen. Bielefeld wurde um 1214 gegründet. Da Städte im Mittelalter oft unter dem Schutz einer bereits bestehenden Burg entstanden, diskutieren Historiker und Archäologen, ob es auf dem Sparrenberg möglicherweise eine ältere Vorläuferbauwerk gegeben haben könnte. Es gibt jedoch keine eindeutigen Belege dafür. Eines ist sicher: Die heutige Sparrenburg wurde zu einer Zeit erbaut, als Burgen nicht nur Residenzorte des Adels, sondern auch militärische Kontrollpunkte, Verwaltungszentren und sichtbare Machtsymbole waren. Der Standort oberhalb von Bielefeld hatte noch eine weitere Bedeutung. Zwischen der Burg und der älteren Bielefelder Altstadt entwickelte sich später die Neustadt. Der Komplex prägte somit nicht nur die Verteidigung der Stadt, sondern auch ihre räumliche Entwicklung.
Von den Grafen von Ravensberg zu den Herzögen von Jülich – Mit dem Tod des Grafen Bernhard von Ravensberg im Jahr 1346 erlosch die männliche Linie des Hauses Calvelage-Ravensberg. Durch familiäre Verbindungen ging die Burg an Gerhard I. von Jülich-Berg über, der mit Bernhards Nichte Margarete verheiratet war. In der Folge verlor die Sparrenburg allmählich ihre Rolle als ständiger Machtsitz der Herrscher – ihre politische und militärische Bedeutung blieb jedoch bestehen. Auch Kaiser Karl IV. machte auf seinen Reisen Halt auf der Burg: Am 18. November 1377 übernachtete er auf der Sparrenburg. Für einige Jahre gewann die Anlage als Residenz wieder besondere Bedeutung. Zwischen 1410 und 1428 diente sie als Herrschaftssitz des Grafen Wilhelm II. von Ravensberg. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wechselte die Burg erneut den Besitzer. Nach dem Tod von Herzog Wilhelm von Jülich-Berg im Jahr 1511 gingen die Grafschaft Ravensberg und die Sparrenburg an seinen Schwiegersohn Johann von Jülich-Kleve-Berg über. Unter seiner Herrschaft begann der tiefgreifendste Umbau des Komplexes: Die mittelalterliche Burg wurde in eine moderne Festung umgewandelt.
Kanonen verändern die Art der Kriegsführung – und die Sparrenburg – Die Erfindung und Verbreitung von Schießpulver und Artillerie stellten die mittelalterliche Verteidigungsarchitektur vor ein grundlegendes Problem. Hohe, vergleichsweise schmale Mauern und Türme boten Kanonen eine große Trefferfläche. Festungen mussten daher niedriger, massiver und besser für den Einsatz eigener Artillerie geeignet gebaut werden. Diese Umgestaltung begann auf der Sparrenburg um 1530. Westlich des älteren Burgkomplexes wurde zunächst ein Kanonenturm errichtet, der später als Batterieturm bezeichnet wurde. Er war nur durch eine steinerne Bogenbrücke mit der Burg verbunden und sollte es den Verteidigern ermöglichen, Kanonen einzusetzen. Ab 1535 ließ Johann III. von Jülich-Kleve-Berg den Komplex systematisch zu einer Rondelfestung ausbauen. Rondelle waren runde oder halbkreisförmige Befestigungsanlagen, auf denen Artillerie aufgestellt werden konnte. An der Nordseite wurde das Kiekstattrondell errichtet. Später kamen an der Südostseite das Schuster- und das Marienrondell hinzu. Diese Verteidigungsanlagen waren durch Vorhangmauern verbunden – also Befestigungsmauern zwischen den einzelnen Bastionen und Rondellen. Außerdem wurde vor dem älteren Burgtor ein neues Torhaus errichtet. Im Bereich zwischen der Innenburg und den Außenbefestigungen entstanden gewölbte Durchgänge, Räume und Verbindungskorridore. Anschließend wurde ein Großteil des Raums mit Erde aufgefüllt. So entstanden die Kasematten – jene unterirdischen Anlagen, die heute zu den beeindruckendsten Bereichen der Sparrenburg zählen. Besonders bemerkenswert ist die westliche Bastion, die als „Scherpentiner“ bekannt ist. Aus militärischer Sicht war der ältere Geschützturm ungünstig gelegen und stellte eine Schwachstelle dar. Aus diesem Grund wurde 1556 der italienische Architekt Alessandro Pasqualini nach Bielefeld berufen. Er entwarf für die westliche Ecke eine Bastion nach den Prinzipien der italienischen Festungsarchitektur, die zu jener Zeit hoch entwickelt war. Der bestehende Geschützturm wurde in den neuen Bau einbezogen. Der Name „Scherpentiner“ ist ungewöhnlich. Nach heutigem Forschungsstand ist er nur auf der Sparrenburg belegt und steht im Zusammenhang mit der „Serpentine“ oder „Feldschlange“, einem leichteren Artillerietyp aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Mit diesen Erweiterungen entwickelte sich die Sparrenburg zur größten Festung Westfalens und zu einer der bedeutendsten erhaltenen Renaissance-Befestigungsanlagen in Norddeutschland.
Belagerungen, Erdbeben und der Dreißigjährige Krieg – Die Festung wurde nicht nur geplant, sondern auch auf die Probe gestellt. Nach dem Tod von Herzog Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg im Jahr 1609 brach der Jülich-Kleve-Erbfolgekrieg aus. Der Konflikt endete 1614 mit dem Frieden von Xanten. Die Sparrenburg fiel an Brandenburg-Preußen. Zunächst wurde den verbündeten Niederlanden das Recht eingeräumt, die Festung zu besetzen. Niederländische Soldaten trafen im November 1615 in Bielefeld ein. Doch die Lage blieb prekär. Bereits 1612 hatte ein Erdbeben Schäden an der Burg verursacht – ein Ereignis, das zeigt, dass Kriege nicht die einzige Bedrohung für die Unversehrtheit des Bauwerks darstellten. Während des Dreißigjährigen Krieges wechselte die Garnison mehrmals den Besitzer. Im Jahr 1623 mussten sich die Niederländer vor den spanischen Truppen unter der Führung von Graf Johann von Rietberg zurückziehen. Zwei Jahre später scheiterte ein Versuch brandenburgischer Truppen, unterstützt von Ravensberger Bauern, die Burg zurückzuerobern. Von 1636 bis 1637 belagerten schwedische und hessisch-kasselische Truppen die spanische Garnison auf der Sparrenburg fast ein Jahr lang. Schließlich ergab sich die Garnison. Im Jahr 1642 wurde die Anlage an die Franzosen übergeben, die mit Schweden verbündet waren. Erst mit dem Westfälischen Frieden im Jahr 1648 wurde ihre Zugehörigkeit zu Brandenburg-Preußen endgültig bestätigt. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm hielt sich mehrfach auf der Sparrenburg auf und nutzte sie zeitweise als Zweitresidenz in Westfalen. Zwei seiner Kinder wurden dort geboren. Während des Holländischen Krieges überstand die Festung ihre letzten großen militärischen Prüfungen: Belagerungen durch das Bistum Münster im Jahr 1673 und durch französische Truppen im Jahr 1679.
Von der militärischen Festung zum Verfall – Gegen Ende des 17. Jahrhunderts hatte sich die Militärtechnik bereits weiterentwickelt. Die Sparrenburg entsprach nicht mehr den militärischen Anforderungen ihrer Zeit. Sie verlor ihre Funktion als moderne Festung, wurde teilweise als Gefängnis genutzt und zunehmend vernachlässigt. In den folgenden Jahrzehnten verschwanden zahlreiche Gebäude und Mauern. Baumaterialien aus der Anlage wurden abgetragen, verkauft oder wiederverwendet. Auf Geheiß von König Friedrich II. wurden Steine aus der Sparrenburg unter anderem für den Bau von Teilen der heutigen 55. Kaserne an der Hans-Sachs-Straße verwendet. Was einst Schutz und Macht verkörperte, wurde zum Rohstoff für neue Bauwerke. Erst mit der Burgenromantik des 19. Jahrhunderts begann sich die Wahrnehmung der Ruinen zu wandeln. In ganz Europa entdeckte die Mittelschicht mittelalterliche Burgen als Orte der Erinnerung wieder. In Bielefeld wurde ein Komitee gegründet, um den Turm auf dem Sparrenberg wiederherzustellen. In den Jahren 1842 und 1843 wurde der Bergfried wieder aufgebaut. Dabei wurde der ältere Teil – der einen tropfenförmigen Grundriss hatte – mit einem runden Aussichtsturm überdacht. Im Jahr 1879 erwarb die Stadt Bielefeld die Anlage vom preußischen Staat für 8.934,90 Mark – deutlich weniger als die zuvor veranschlagten 70.000 Mark. Nach Plänen des Architekten Eberhard Hillebrand wurde ab 1886 eine neue große Halle im neugotischen Stil errichtet. Sie umfasste einen Festsaal, ein Restaurant und Museumsräume und wurde 1888 eröffnet. Das Gebäude war kein Nachbau einer mittelalterlichen großen Halle, sondern ein historisierender Neubau des 19. Jahrhunderts.
Zerstörung im Krieg, Forschungen unter der Erde – Während des Zweiten Weltkriegs diente die Sparrenburg als Flugabwehrgeschützstellung. Bei dem schweren Luftangriff auf Bielefeld am 30. September 1944 erlitt der Komplex erhebliche Schäden; der Turm blieb jedoch unversehrt. Zwischen 1948 und 1987 wurden umfangreiche Aufräum-, Sicherungs- und Restaurierungsarbeiten durchgeführt. Von 1955 bis 1972 war in dem wiederaufgebauten Wirtschaftsgebäude das Deutsche Spielkartenmuseum untergebracht. Seit den 2007 begonnenen Sanierungsarbeiten und archäologischen Untersuchungen sind weitere Funde ans Licht gekommen. Auf dem Kiekstattrondell wurde ein älterer Bodenabschnitt der Verteidigungsanlage freigelegt, der etwa drei Meter unter dem heutigen Niveau lag. Zudem entdeckten Experten eine Treppe, die zu den Kasematten führte. Im Jahr 2008 legten Archäologen im Bereich der Hauptburg die Fundamente eines großen rechteckigen Gebäudes frei. Anhand architektonischer Details wird es auf etwa 1500 datiert. Es verfügte offenbar über fünf Räume. Ebenfalls im Jahr 2008 wurden zwei tiefe Lüftungsschächte entdeckt, die in Bereiche des unterirdischen Komplexes führen, die bislang nur teilweise erforscht sind. Ein Schacht mündet in eine Öffnung in der Außenmauer; der andere führt zu einem unbekannten Gewölbe. Seine genaue Funktion bleibt unklar. Im Jahr 2014 erhielt die Sparrenburg ein modernes Besucherzentrum, das vom Schweizer Architekten Max Dudler entworfen wurde. Das Stampflehmgebäude steht am südöstlichen Rand des Burghofs und beherbergt eine Kasse, einen Shop und einen Kiosk.
Heute ist die Burg Sparrenburg weit mehr als nur ein beliebter Aussichtspunkt. Der oberirdische Bereich ist ganzjährig zugänglich, während der Turm und die Kasematten saisonal besichtigt werden können. Die unterirdischen Gänge, die sich über insgesamt 285 Meter erstrecken, veranschaulichen anschaulich, wie sich die Verteidigungstechnik der Renaissance hinter dem scheinbar vertrauten Bild einer Burg verbirgt. Teile der Anlage bleiben zum Schutz überwinternder Fledermäuse geschlossen. Die Sparrenburg ist somit nicht nur das Wahrzeichen Bielefelds. Sie ist ein Bauwerk, das fast 800 Jahre Stadt-, Regional- und Militärgeschichte widerspiegelt – von den Grafen von Ravensberg über preußische Herrscher bis hin zur modernen Denkmalpflege.










