Die am Niederrhein gelegene Hansestadt Rees ist ein Ort voller historischer Geheimnisse und faszinierender Legenden. Sie gehört zu den ältesten Städten der Region und hat im Laufe der Jahrhunderte eine beeindruckende Entwicklung durchlaufen – von den ersten Spuren menschlicher Besiedlung bis hin zur modernen Stadt von heute. Doch hinter ihrer malerischen Fassade verbergen sich Geschichten, die tief in die Vergangenheit reichen und von historischen Ereignissen geprägt sind.
Von der Steinzeit bis zur fränkischen Besiedlung: erste Zeugnisse einer bewegten Vergangenheit – Die ersten Hinweise auf Leben im Gebiet des heutigen Rees reichen bis in die Jungsteinzeit vor mehr als 4’000 Jahren zurück. Bei Bauarbeiten an der Autobahn A3 im Jahr 1961 wurden auf dem Colettenberg bei Haldern Fragmente von Bechern und Dolchen entdeckt, die als Grabbeigaben gedient hatten. Diese Funde liefern wertvolle Einblicke in die Lebensweise der Menschen jener Zeit. Später stiessen Archäologen auf die Überreste einer Siedlung aus der Hallstattzeit (800–450 v. Chr.), ein Beweis dafür, dass das Gebiet schon früh besiedelt war. Zwischen 500 und 800 n. Chr. entstand auf einer Anhöhe, die als «Ward» bekannt ist, eine fränkische Siedlung. Der Name «Rees» leitet sich vermutlich vom altnordischen Begriff «Rys» ab, was «Weidenhain mit Schilf» bedeutet. Ein weiteres bedeutendes Ereignis dieser Zeit war die Christianisierung des Niederrheins durch den angelsächsischen Mönch Willibrord zwischen 695 und 739. Um 700 wurde in Rees eine der ersten Kirchen der Region erbaut, was die frühe Bedeutung der Stadt unterstreicht.
Die Gründung der mittelalterlichen Stadt und ihre Blütezeit -Die eigentliche Gründung der Stadt Rees erfolgte im Hochmittelalter. Um das Jahr 1000 wurde die Burg Aspel erstmals urkundlich erwähnt, und um 1040 liess Irmgard von Aspel in Rees eine neue Kirche über den Gräbern ihrer Eltern errichten. Diese wurde zum Zentrum einer Kanonie, in der später sogar eine Lateinschule untergebracht war. Der entscheidende Wendepunkt kam jedoch am 14. Juli 1228, als der Erzbischof von Köln der Siedlung, die rund 600 Einwohner und etwa 150 Gebäude zählte, offiziell das Stadtrecht verlieh. Damit wurde Rees zur ältesten Stadt im Niederrhein. Ein bedeutender Meilenstein war der Bau der Stadtmauer, der 1289 begann und um 1350 abgeschlossen wurde. Dieses imposante Bauwerk bot der Stadt nicht nur Schutz, sondern auch Selbstbewusstsein. Der wirtschaftliche Aufschwung in dieser Zeit ermöglichte weitere Bauprojekte, darunter das gotische Rathaus, dessen Bau um 1450 fertiggestellt wurde.
Schauplatz militärischer Konflikte in der Neuzeit – Die Neuzeit brachte für Rees sowohl Fortschritt als auch Herausforderungen mit sich. Im Jahr 1549 erlebte die Stadt eine dunkle Episode, als der Magistrat die jüdische Bevölkerung vertrieb. Kurz darauf, im Jahr 1571, wurde erstmals eine protestantische Gemeinde in Rees erwähnt. Rees wurde während des Spanisch-Niederländischen Krieges zu einem hart umkämpften Schauplatz. 1598 fiel die Stadt unter die Kontrolle spanischer Truppen, doch nach dem Tod des letzten Herzogs von Kleve, Johann Wilhelm (1609), und dem Frieden von Xanten ging Rees 1614 an den Kurfürsten von Brandenburg über. Um diesen Neuzugang zu sichern, baten die Brandenburger die Niederländer um Hilfe; diese besetzten daraufhin die Stadt und errichteten zwischen 1616 und 1625 eine grosse Festung. Gerade als sich die Stadt von den Kämpfen zu erholen begann, geriet sie erneut in den Mittelpunkt des Konflikts. 1672 besetzten französische Truppen unter Marschall Turenne Rees, bevor Brandenburg-Preussen die Kontrolle zurückerlangte und die Befestigungsanlagen dem Erdboden gleichmachte. Trotz dieser Umwälzungen gelang es Rees, sich zu behaupten, und es blieb ein strategisch wichtiger Standort, insbesondere während des Siebenjährigen Krieges.
Herausforderungen und Wandel im 19. und 20. Jahrhundert – Der Beginn des 19. Jahrhunderts brachte für Rees bedeutende Veränderungen mit sich. Nach dem Vertrag von Schönbrunn (1806) wurde die Stadt Teil des unter französischer Kontrolle stehenden Grossherzogtums Berg. In dieser Zeit war Rees Verwaltungszentrum eines Kantons im Arrondissement Essen. Nach Napoleons Niederlage in der Schlacht bei Leipzig kehrte die Stadt 1813 unter preussische Herrschaft zurück, was 1815 durch den Wiener Kongress bestätigt wurde. Im 20. Jahrhundert stand Rees vor neuen Herausforderungen. Zu Beginn der nationalsozialistischen Diktatur wurden jüdische Familien verfolgt und deportiert. Der Zweite Weltkrieg hinterliess tiefe Spuren: Bei einem Luftangriff am 16. Februar 1945 wurde die Stadt fast vollständig zerstört. Besonders grausam war das Schicksal der Häftlinge im Zwangsarbeitslager «Groin», die unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit gezwungen wurden. Über 10 Prozent der Insassen überlebten diese Tortur nicht. Der Wiederaufbau der Stadt nach dem Krieg war mühsam, doch die Widerstandskraft ihrer Bürger trug dazu bei, das kulturelle Erbe zu bewahren und Rees wieder aufzubauen.
Eine Stadt im Einklang mit dem Rhein – Ein zentraler Aspekt der Geschichte von Rees ist seine Beziehung zum Rhein. Hochwasser, Ufererosion und die Bildung von Inseln haben das Leben seiner Bewohner seit jeher geprägt. Eine Karte des Kartographen Johann Bucker aus dem Jahr 1713 zeigt, wie stark das Gebiet einst vom Fluss geprägt war, mit zahlreichen kleinen und grossen Inseln, die heute nicht mehr existieren. Das Naturschutzgebiet «Reeser Schanz», eine ehemalige Festungsanlage, hat sich inzwischen zu einem beliebten Freizeit- und Wassersportzentrum entwickelt. Der Rhein bleibt ein prägendes Element, das die Identität und den Charakter der Stadt bis heute bestimmt.
Rees heute: Tradition und Moderne im Einklang – Heute präsentiert sich die Hansestadt Rees als harmonische Mischung aus historischem Charme und modernem Leben. Ihre lange und bewegte Geschichte, die bis in die Antike zurückreicht, macht sie zu einem einzigartigen Ort am Niederrhein. Von den mittelalterlichen Befestigungsanlagen bis hin zu Freizeitaktivitäten am Rheinufer erzählt jeder Winkel der Stadt eine Geschichte. Rees ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie reich und faszinierend die Geschichte einer Kleinstadt sein kann. Von den ersten Spuren menschlicher Besiedlung bis zu den tragischen Ereignissen des Zweiten Weltkriegs bleibt die Stadt ein lebendiges Geschichtsbuch – offen für alle, die bereit sind, es Seite für Seite zu erkunden.





















